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Lernen ohne Druck

Von Nina Jakobs

Durch Druck oder Zwang Leistung erreichen zu wollen, scheint ja gerade wieder in Mode zu sein (siehe Teilzeit- und Krankheitstagedebatte), deshalb hier vielleicht mal ein Beispiel, wie es auch anders geht: Mein Sohn ist im vergangenen Sommer in die Schule gekommen und in seiner Klasse lernt jedes Kind in seinem Tempo. Die einen sind in Mathe schon etwas weiter und bekommen etwas schwierigere Aufgaben im nächsten Übungsheft, die anderen können schon besser lesen und wieder andere brauchen noch etwas mehr Zeit, die neuen Buchstaben zu üben.

Das kenne ich so aus meiner eigenen Schulzeit nicht und nach allem, was ich so höre, ist es auch heute längst nicht an jeder Schule und bei jeder Lehrkraft selbstverständlich. Insofern hatten wir vielleicht einfach Glück. Denn genau so empfinde ich es, als Glück. Mein Sohn liebt die Schule, er ist stolz, wenn er etwas Neues gelernt, ein Aufgabenheft abgeschlossen hat und das neue beginnen kann. Er macht gerne Hausaufgaben (freitags gibt es grundsätzlich keine, damit das Wochenende auch wirklich Wochenende ist – noch so ein Glück), liest beim Frühstück auf Milchpackungen und draußen auf Straßenschildern.

Nun könnte man sagen, dass er einfach ein wissbegieriges Kind ist und ihm beim Lernen sicher manches leichter fällt als anderen Kindern. Ich bin aber überzeugt, dass seine konstante Freude an der Schule und allem, was damit zu tun hat, auch damit zusammenhängt, dass er dort mit klaren Regeln zwar, aber ohne Druck lernen darf. Er erfährt, dass man auf ihn und seine Stärken und Schwächen Rücksicht nimmt. Und er sieht, dass Kinder unterschiedlich sind, dass die einen dieses besser oder schneller lernen, die anderen jenes – und dass das vollkommen ok ist.

An Weihnachten hat er uns eine Karte geschrieben, komplett ohne Hilfe, und an manchmal liest er seinem Bruder Bilderbücher vor – obwohl sie in der Klasse bisher nicht einmal die Hälfte der Buchstaben des Alphabets gelernt haben. Das Ergebnis also, nämlich dass er und seine Klassenkameradinnen und -kameraden den Schulstoff gelernt und Fortschritte gemacht haben, ist das Gleiche, wie wenn man es ihnen mit Druck übergestülpt hätte. Oder ist es vielleicht sogar ein Besseres?