
Alle Jahre wieder, wenn die Temperaturen steigen und die Zeugnisse vergeben sind, flammt eine alte Debatte neu auf: Sind sechs Wochen Sommerferien noch zeitgemäß? Kritiker argumentieren mit wirtschaftlichen Verlusten, dem massiven Betreuungsnotstand erwerbstätiger Eltern und dem sogenannten „Sommer-Lernverlust“ bei Schülerinnen und Schülern.
Die Rufe nach einer Verkürzung und einer (noch) gleichmäßigeren Verteilung der Ferientage über das Jahr klingen auf den ersten Blick vernünftig. Nicht jede Vokabel ist nach sechs Wochen noch präsent. Bei genauerem Hinsehen jedoch greifen sie für mich zu kurz.
Ganz davon abgesehen, dass Deutschland in der EU gemeinsam mit den Niederlanden und Dänemark ohnehin schon auf dem letzten Platz liegt, was die Länge der Sommerferien betrifft – die sechs Wochen sind kein verstaubtes Relikt aus vergangenen Agrarzeiten, als Kinder noch bei der Ernte helfen mussten. Sie sind ein notwendiges Ventil in einer Gesellschaft, die immer früher immer mehr von den Jüngsten fordert. Der Schulalltag im Turbo-Takt hinterlässt Spuren. Im Juli sind die Kinder einfach durch. Sie brauchen jetzt keine kurzen Atempausen, sondern Phasen der echten Entschleunigung. Erst nach zwei bis drei Wochen schaltet der Kopf nachweislich von Leistung auf Erholung um. Die verbleibende Zeit ist das wertvolle Fundament für freies, unstrukturiertes Lernen – durch Entdecken, Reisen oder schlichtes Nichtstun. Und ganz ehrlich – theoretisch könnten die Sommerferien auch gut zwei Wochen früher beginnen, denn in den letzten 14 Tagen passiert in den Schulen eh kaum noch etwas und auch die meisten Lehrkräfte sind längst im Ferienmodus.
Natürlich ist der Organisationsterror für berufstätige Eltern real. Wenn der Jahresurlaub nicht ausreicht, um die schulfreie Zeit abzudecken, geraten Familien an ihre Grenzen. Doch dieses Problem darf nicht auf dem Rücken der Kinder gelöst werden. Die Antwort kann nicht lauten, die Regeneration der Schüler zu beschneiden. Sie muss lauten: Ausbau von qualitativ hochwertigen, bezahlbaren und freiwilligen Sommercamps sowie Betreuungsangeboten durch Kommunen und Vereine. In vielen Regionen ist das bereits gut abgedeckt. Und ab einem gewissen Alter lungern die Kids ohnehin am liebsten bis mittags im Bett rum und freuen sich, wenn Mutti später von der Arbeit kommt.
Die Sommerferien zu kürzen, wäre ein bildungspolitischer Offenbarungseid. Es hieße, Schule vollends als reine Verwahranstalt für die Wirtschaft zu definieren. Gönnen wir unseren Kindern weiterhin diesen einen, großen Sommer voller unendlicher Tage. Er ist die Zeit, in der die besten Erinnerungen fürs Leben entstehen.
